- Ursulas Erinnerungen,Teil 2 -


Als sich die Luftangriffe auf Düsseldorf häuften, bemühte man sich, die Kinder aufs Land zu schicken: „Kinderlandverschickung“ nannte man es. Die ganze Familie Ecker fuhr mit anderen Müttern und deren Kindern nach Waldfenster in der Rhön. Kurt war jetzt schon fast 7 Jahre alt und hätte eigentlich schon eingeschult werden müssen, aber der Krieg sollte ja auch eigentlich gar nicht so lange dauern. Es war eine beschwerliche Reise und alle waren froh, endlich angekommen zu sein und während die Mütter mit dem Busfahrer oberhalb von Waldfenster ausstiegen, um die Lage zu erkunden, machten es sich ein paar Lauser auf dem Fahrersitz bequem. Sie hatten ganz genau aufgepasst, wie das ganze funktioniert. Ins Dorf hinein führte eine Schotterstrasse bergab. Zum Entsetzen der draußen Stehenden, setzte sich der Bus langsam in Bewegung, wurde immer schneller und landete im Tor eines Heuschobers, der sich zum Glück für alle Beteiligten in gerader Fahrtlinie befand, während die Straße eine leichte Biegung machte. Der Bus war leicht lädiert, die Kinder zum Glück nicht. Ein strenges Verhör begann, bei dem sich herausstellte, dass zwei besonders aberwitzige Knaben den anderen Kindern die Funktion der Handbremse vorführen wollten! Man ahnt schon, wer die beiden Knaben waren. Trotz dieser Vorkommnisse fanden sich zwei mutige Bauern, die beiden hoffnungsvollen Räbchen unter ihre Fittiche nahmen. In der Folgezeit sind keine weiteren Streiche bekannt geworden, die auf ihr Konto gingen. Schließlich gab es in Waldfenster auch Lausebuben! Der Rest der Familie kam erst einmal im Gasthof unter, wo alle Gerüche Arabiens vertreten waren. Später nahm Viktor und Adelheid Müller sich ihrer an.

Es begann mit einer Freundschaft, die viele Jahre anhielt. Gelegentlich bot meine Mutter den Waldfensterern eine Sondervorstellung und Grund zum tratschen, so z.B. als sie ihren Nachwuchs bei winterlichen Temperaturen am Feuerwehrteich versammelte. Dort seifte sie die vor Kälte schlotternden gründlich mit Kernseife ab und scherte sich nicht um die mitleidigen Proteste der Waldfensterer Mütter. Fließendes warmes Wasser gab es eh noch nicht. Die gleiche Prozedur versuchte sie eine Generation später, mit ihren auf Besuch weilenden Enkeln, allerdings nicht im Winter, aber in aller Öffentlichkeit unter Hinweis auf die Historie. Als der Sommer zu ende war, fuhren wir wieder nach Hause, nach Düsseldorf -Reisholz.

Wenn ich bedenke, dass wir Kinder im Krieg alleine von Reisholz , über den Bahnhof, bis zur Paulsmühle in den Kinderhort der N S V geschickt wurden , - ich war damals vielleicht vier Jahre, der Güterbahnhof wurde von Tieffliegern angegriffen, weil dort die Flak aufgebaut war und uns fremde Menschen retten mussten, indem sie mich und meine Schwester schnell unter einen Wagon gezogen haben - dann wundert es mich nicht, dass wir kein Gefühl dafür hatten , wie weit wir manchmal von zu Hause weg waren. Bruder Kurt trug die ganze Verantwortung für uns und machte sich nicht viele Gedanken darum, ob etwas gefährlich werden konnte oder nicht. Wenn er in den Kämpen, in Garath, über einen Baumstamm, den alten Rhein überqueren wollte und ich kam nicht mit, dann ging er einfach weiter, ich konnte sehen wie ich rüber kam. Es ist ein Wunder, dass uns nichts passiert ist. Unser Vater fehlte an allen Ecken, denn meine Mutter wurde mit der Doppelbelastung Arbeit und Kindererziehung nicht fertig. Ohne Arbeit ging es auch nicht, dann wären wir verhungert.

Dann nahm die Bombardierung Düsseldorfs wieder zu. Wenn nachts die Sirenen heulten, wurden wir aus den Betten geholt, angezogen und in den Luftschutzkeller gebracht. Dieser war mit dicken Rundhölzern abgestützt. Alle Keller unserer Häuserreihe waren mit einander durch türgroße Öffnungen verbunden, so dass man sich gegenseitig helfen konnte, wenn eine Bombe einschlug oder ein Feuer ausbrach. Im Keller hörten wir über uns die Flugzeugmotoren brummen und waren froh, wenn die Entwarnung kam und wir wieder in unseren Betten schlafen konnten. Meistens schliefen wir aber in den Etagenbetten im Keller, wo es so merkwürdig roch. Gott sei Dank war Tante Lotte bei uns, die unserer Mama helfen konnte. Sie erwartete ihr erstes Kind und wäre sonst in ihrer Wohnung alleine gewesen, da Oma Ecker zurzeit in Frankfurt an der Oder war, bei Tochter Maria. Dort war nämlich auch Nachwuchs angekommen und sie wurde da gebraucht, weil ihr erster Sohn, so alt wie ich, auch schon da war.

Eines Nachts, als wir wieder mal alle im Keller versammelt waren, war es besonders schlimm. Man konnte das Explodieren der Bomben hören und wir hatten furchtbare Angst. Frau Freibeuter, eine Nachbarin, kam auf Pantoffeln leise durch das Loch, dass die einzelnen Häuser miteinander durchgängig machte in unseren Keller und hat dabei Tante Lotte so sehr erschreckt, dass sie Angst um ihr Kind bekam. Am nächsten Morgen machte sich Mama mit ihren Jungs auf nach Düsseldorf um ihnen zu zeigen, was der böse Feind alles kaputt gemacht hatte. Eine andere Tante war auch ausgebombt und hatte nichts mehr. In der Zeit bekam Tante Lotte Wehen und die Nachbarn holten eiligst die Hebamme: „Tante Anna“ genannt. Sie hatte auch schon die Eckers Kinder und auch uns geholt. Es wurde eine sehr schwierige Geburt. Das Söhnchen war sehr klein und Tante Anna sagte, er würde sicher nicht überleben, man solle es der Lotte aber nicht sagen. Als meine Mutter von ihrem Ausflug wieder nach Hause kam, war alles schon erledigt. Das kleine Schätzchen meiner Tante erholte sich unter der Obhut und Pflege seiner Mama und wurde nicht sehr groß, aber so stark wie sein Papa, Onkel Erwin.

Nun wurden wir wieder evakuiert, zur Sicherheit nach Burg bei Magdeburg. Eine Nachbarstochter war auch dabei.

Diese hatte, zwar unverheiratet und noch sehr jung, dem Führer einen Sohn geboren. Dieses Baby wurde oft in die Obhut des Ecker-Quartetts gegeben. Das nahm sich auch getreulich seiner an, gab Fläschchen und wechselte die Windeln, so gut es eben ging.

In den letzten Kriegstagen herrschte eine Art Weltuntergangsstimmung, man wollte alles an Vergnügen mitnehmen, was es nur gab, weil man beim Einmarsch der Russen ja doch „vor die Hunde“ gehen würde. So suchte die jugendliche, überforderte Mutter allabendlich Zerstreuung im Tanzen- und Kneipen gehen, wobei sie oft von Mutter Ecker begleitet wurde, denn diese war ja auch noch sehr jung .

Die Kinderschar wurde dann in der Wohnung eingeschlossen und sollte zur frühen Abendstunde schon schlafen. Wenn es draußen noch hell ist, kann man das selbst von einem superbraven Einzelkind nicht erwarten, geschweige denn von uns vier unternehmungslustigen Rangen.

Trampolinsprünge vom Kleiderschrank in die Betten war nicht drin, der Schrank stand zu weit entfernt, aber auf dem Schrank standen eine stattliche Anzahl Gläser, mit eingemachtem Apfelmus, aus mühsam zusammengesuchten Falläpfeln, Wintervorrat und Stolz der Hausfrau. Ein Glas konnte mal probiert werden, das fiel nicht auf. Gemeinsam schleckte man es leer. Dabei hatte Bruder Kurt eine geniale Idee: Wenn man einen Rest Apfelmus mit den Fingern an der Glaswand hoch streichen, den Deckel drauf setzte und das Glas wieder auf den Schrank stellen würde, war von unten nichts verdächtiges zu sehen! Nun gab es kein Halten mehr. Man tat sich am Nachtisch gütlich, bis man bald platzte und stellte dann das Glas mit „Tarnanstrich“ versehen, wieder auf den Schrank zurück.

Heute würde die Sache sicherlich noch nicht entdeckt und morgen kamen vielleicht schon die Russen! Dann wurde Verstecken gespielt, es ging über Tisch und Stühle, bis plötzlich Schritte zu hören waren.

Die Mütter kamen vorzeitig heim. Allen gelang es in die Betten zu hüpfen und Tiefschlaf zu Mimen, bis auf Irmchen in ihrem Versteck im Kleiderschrank. Sie saß dort wie das jüngste Geißlein im Uhrkasten. In der Hand hielt sie eifrig mampfend die Keksbüchse und rief mit zartem Stimmchen „Kommen, kommen“. Wer beschreibt ihr Entsetzen, als anstatt ihr suchender Bruder die gestrenge Mama den Kleiderschrank auf riss und sie dort fand, das Corpus Delicti noch in der Hand und den Mund voller Kekskrümel! Da war wieder vor Angst eine Pfütze fällig!

Dann über Nacht waren die Russen da, um uns zu befreien. Keiner durfte das Haus verlassen, wir hatten Ausgangssperre. Das war natürlich für unserer Jungens stinke langweilig und so bewarfen sie die vor unserm Haus stehenden Russen mit Steinchen vom Dachboden. Unter dem Dach zwischen den Steinen hatte Mama aber auch die Pistole versteckt, die sie sicherheitshalber von unserem Vater bekommen hatte, wenn sie den Russen in die Finger fallen sollte.

Die Russen wurden sehr böse und durchsuchten das ganze Haus, fanden aber zum Glück die Pistole nicht und meine Mutter konnte nur schwer erklären, dass es nur ein dummer Jungenstreich gewesen war.

Sie luden uns Kinder zum Tomatensuppe essen in ihr Lager ein. Die Russen zeigten sich sehr kinderfreundlich und fuhren uns sogar mit einem Panjewagen wieder nach Hause mit einem Kommisbrot und Rindfleisch als Zugabe.

Meine Mutter meinte aber, dass es nun an der Zeit wäre in den Westen zu gehen, zumal sie auch Angst um Agnes, ihrer Schutzbefohlenen, hatte. Die Russen führten nichts Gutes im Schilde, wie man allgemein hörte.

Einige Zeit nach der Kapitulation, wollten wir wieder nach Hause an den Rhein!

Alles suchte nach Angehörigen und eine unheimliche Betriebsamkeit setzte ein. Jeder versuchte in den Westen zu kommen. Am 10.8.45 schrieb meine Oma Ecker aus Erfurt:

„Meine liebe Irmgard, Kinder und Agnes u. Werner. Herzlichen Dank für Eure lieben Zeilen und die Geburtstagsgratulation. Uns geht es noch gut, dasselbe hoffe ich auch von Euch. Maria ist am Mittag nach Frankfurt an der Oder gefahren, will mal nach dem Rechten sehen. Kommt diese Woche wieder zurück, wir hoffen das Beste. Vielleicht kommt sie mal bei Euch vorbei. Erwin ist hier, seit Pfingsten. Wir denken, dass wir bald zu Hause sind. Ich möchte gerne, aber nicht zu Fuß, das kannst Du mit den Kindern auch nicht machen. Kannst Du nicht mal nach hier kommen? Alles Gute, Mama und Oma , Gruß an Agnes.“

Meine Mutter aber konnte und wie! - Zumal Großeltern Miedlich schrieben:

„Liebe Irmgard und unsere kleinen 4 ! Wir teilen Euch mit, dass wir noch mager und gesund sind. Hier ist alles in Ordnung. Wohnung ist noch da. Ist ein Ehepaar drin, wenn ihr kommt, nehmen sie die Mansarde. Sobald es möglich ist, kommt, auch ohne Sachen. Wie ist es in Magdeburg? Wir senden Euch Viele Grüße, Oma u. Opa.

Diese Nachrichten wurden auf Zetteln von Leuten überbracht, die gerade in der Gegend zu tun hatten.

Unsere Flucht aus Magdeburg

Zu Fuß sollte es über die Grenze gehen, illegal natürlich, wie es alle anderen auch taten. Mama nähte eine große Tasche aus dunkelgrünem Plüschstoff, da hinein kam Werner, Agnes ihr Sohn, 10 Monate alt. Irmchen 4 Jahre, ich fünfeinhalb, Ulli 7 und Kurt 10 Jahre alt hatten je einen Rucksack mit dem was wir tragen konnten auf dem Rücken und die Frauen waren mit den größten Rucksäcken bepackt und trugen zwischen sich die Tasche mit dem Säugling.

Wir gingen durch einen Wald bei Nacht und Nebel und es ging solange gut, bis das Baby anfing zu schreien.

Das rief die russischen Grenzwächter auf die Bildfläche, die diesmal ziemlich ungehalten und unfreundlich waren. Meine Mutter zog eine zu diesem Zweck mitgebrachte Flasche aus der Versenkung. „Alles deine Kinder , Madka?“ fragten sie und Agnes machte sich ganz klein.

Die Russen wollten aber den Bestechungsversuch meiner Mutter nicht akzeptieren, ehe sie vorgekostest hatte, denn das Getränk sah nicht wie eine Wodkaflasche aus. In der Tat handelte es sich um ein Selbstgebranntes hochprozentiges Erzeugnis, Marke Brennspiritus. Die Besatzer wurden noch unfreundlicher, als sie Mamas Zögern bemerkten und die Situation spitzte sich zu. Da nahm Mama einige gewaltige Schlucke aus der Pulle und konnte die Grenzwärter so endlich überzeugen. Wir bekamen noch einen Kinderwagen geschenkt, der bepackt war mit Taschen voller persönlicher Gegenstände und Lebensmittel, die sie wohl anderen Grenzgängern abgenommen hatten.

So durften wir voller Angst weiter ziehen. Das Gebräu hatte auf leerem Magen eine verheerende Wirkung, es haute Mama derart um, dass sie nach kurzer Zeit keinen Schritt mehr gehen konnte und sich lallend auf den Waldboden niederließ. Wir findigen Kinder wussten uns aber zu helfen. Man nahm das Baby auf den Arm und deponierte die angeschlagene Mutter im Kinderwagen.

Die westlichen Grenzbeamten trauten ihren Augen nicht, als sie diese seltsame Prozession herannahen sahen! Mit Kaffee half man meiner Mutter wieder auf die Beine und verfrachtete sie mit samt ihrer Kinderschar zuerst in einen Lastwagen und dann in den Zug Richtung Heimat nach Düsseldorf. Von der Fahrt bekam ich nichts mit, denn ich hatte wohl die ganze Zeit verschlafen.
 


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