- Ursulas Erinnerungen,Teil 1 -


Wir kamen aus der russischen Zone (Magdeburg), wo wir evakuiert waren, nach Hause ins Rheinland.

Als erstes wurden wir alle gebadet und entlaust, das war eine fürchterliche Prozedur, denn ich hatte dickes, langes, schwarzes, krauses Haar und das wurde mit einer übel riechenden Masse eingerieben, einwirken lassen, mit Spiritus ausgewaschen und mit Essig nachgespült. Dabei hatte ich noch Glück, denn anderen Kindern in unserem Ort und anderswo auch, wurden die Haare einfach abrasiert. So aber mussten meine Haare immer mühsam gebändigt werden in zwei dicke Zöpfe.  Meinen Sinn konnte so leicht aber keiner bändigen, der wurde immer krauser. Es hieß dann: „Krause Haare, krauser Sinn, steckt der Teufel mittendrin.“ Das hat mich noch wütender gemacht.

Als Bad diente uns damals die Waschküche. Wir teilten sie mit der über uns wohnenden Familie. Mit einem Schlauch wurde das Wasser in den Kessel eingefüllt und der Ofen mit dem selbst gehackten Holz geheizt. Kurt, mein ältester Bruder, der diese Arbeit verrichten musste, befreite sich oft davon, weil er sich entweder ins Knie sägte oder aber in die Finger hackte. Nicht schön war  das Reinigen des Aschekastens. Das musste aber gemacht werden und diese Sache mussten auch wir beiden Mädchen erledigen. Über der Feuerstelle war der Wasserbehälter aus dem man mittels eines Wasserhahns das heiße Wasser in eine Wanne laufen lassen konnte. Einmal in der Woche, samstags, war Badetag. Im Sommer wurde die mit Wasser gefüllte Badewanne in die Sonne gestellt und wir wurden im Freien gebadet. Wir freuten uns schon darauf, bis zu dem Augenblick, wo wir das  Wasser verlassen sollten. Ich schämte mich fürchterlich, denn wir hatten ja keinen Badeanzug an.

In dem Waschkessel wurde auch die Wäsche nach dem Einweichen gekocht und gestampft, anschließend dann auf dem Waschbrett geschrubbt. Später bekamen wir einen Waschbottich mit einem Wasserdruck betriebenen Motor und Holzquirlen, da kam dann die gekochte Wäsche rein und wurde dort mit den Holzquirlen geschlagen. Anschließend musste man die Wäsche mittels eines Holzstockes ( weil sehr heiß ) herausnehmen und in eine Walze stecken, wo sie ausgepresst wurde, das war schon eine große Erleichterung. Nach dem Krieg wurde so ein Waschkessel auch dazu benutzt, große Mengen an Fleisch zu kochen und Wurst zu machen. Dabei tat sich die ganze Nachbarschaft zusammen, wie das mit der Teilung hinterher funktionierte, kann ich nicht sagen, jedenfalls würde das heute keiner mehr fertigbringen. Man machte damals aus der Not eine Tugend. So ein  Schlachttag war  ein großes Fest für uns Kinder.

Wenn Mama auf Hamstertour war, passte schon mal eine Nachbarin auf uns auf. Aber meistens waren wir alleine. Da kam es schon einmal vor, dass der Glasschirm der Schlafzimmerlampe zu Bruch ging, weil mein Holzschuh den Kopf meines Bruders Ulli treffen sollte, Ulli sich aber geschickt bückte, oder es war sonst eine Keilerei im Gange. Wenn Oma da war, herrschte strenge Ordnung. Wir Mädchen mussten Schürzen über unsere Kleider tragen und weiße Schleifen im Haar. Wenn einer sein Taschentuch verloren hatte, so musste er so lange suchen, bis er es wieder fand, egal, was damit passiert war, Oma wollte es wieder haben. Aus dem Grund habe ich mir meins, unter meinem Kleid, mit einer Sicherheitsnadel festgemacht.

Eines Tages kam meine Mutter mit anderen Nachbarn und Zuckerrüben zurück. Die wurden mittels einer großen Saftpresse, wie sie auch Winzer haben, ausgepresst. Weiß der Kuckuck, wo sie die herhatten, jedenfalls ging sie reihum in der Nachbarschaft. Der Saft wurde so lange gerührt, bis eine sirupähnliche Masse entstand. Das war das leckere Zuckerrübenkraut, und wenn man das ganze auf ein Backblech schüttete und im Ofen erhitzte, wurden daraus Bonbons, man musste es nur noch in mundgerechte Stücke schneiden. Das war alles eine anstrengende Prozedur, weil man die ganze Nacht lang rühren musste, damit es nicht anbrannte.

Von der Feldmühle (Papierfabrik) brachte meine Mutter Filzdecken mit, die wurden aufgezogen und die Fäden auseinander geteilt. Das ging dermaßen: Meine Schwester und ich standen auf je einem Stuhl, teilten den Faden und zogen gleichzeitig daran. Das auf einem Knäuel aufgewickelte Garn war dicht am Knäuel festgeklemmt. Wir wickelten den geteilten Faden wieder je auf ein Knäuel, bis wir an dem selben wieder angekommen waren, dann lösten wir einen weiteren Meter des Garnes und steckten den Rest wieder (mit einem Haarclip) fest, teilten ungefähr einen Meter und so weiter, bis das Knäuel zwischen uns aufgebraucht war. Daraus wurden Pullover gestrickt, die entsetzlich kratzten. Meine Schwester Irmgard war jetzt 5 – und ich 6 ½Bruder Ulli wurde 9- und  Bruder Kurt war im 12. Lebesjahr. Wir waren, wie gewollt, so zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl, doch nun sollten wir auf einmal lieb, fleißig, und nicht mehr so selbstständig sein. Eigentlich waren wir überall im Weg. Dazu kam noch, dass meine Mutter mit 34 Jahren noch nicht auf ein Witwendasein mit 4 Waisen gefasst war.

In der ersten Zeit nach dem Krieg gab es kaum Unterstützung für die Witwen und  Waisen. Jeder hatte mit sich selbst zu tun und konnte andere Familienangehörige nicht finanziell unterstützen, nur mit Materialien wurde geteilt, wenn einer was entbehren konnte. Aber es war einfach alles sehr knapp. Wir Kinder wurden mit Beuteln und Taschen auf die umliegenden Felder geschickt, meist barfüßig, um an Kartoffeln und Ähren und anderen Feldfrüchten aufzusammeln, was wir kriegen konnten. Auch die Früchte der Buche sammelten wir mühsam auf. Daraus wurde wohl Öl gepresst. Die Körner des Weizens wurden u.a. zu Kaffee gebrannt. Den Bauern war es aber gar nicht recht, dass wir uns auf ihren Feldern herumtrieben, wir waren ja nicht die einzigen. Manchmal, wenn meine Brüder zu nahe an das noch nicht abgeerntete Feld kamen, wurde auch schon mal, über die Köpfe hinweg, geschossen.

Meine Mutter musste also arbeiten gehen. Die einzige Möglichkeit dazu war die Suppenfabrik   „Zamek“ in Reisholz, da fiel ab und an mal etwas ab, und am Abend ging sie noch  putzen.

Ein Spruch, der von Deutschland nach Amerika ging und von dort per Brief zu uns gelangte:

„Wer heut zu Tage sein Leben liebt, der schiebt -------
Wem Ehrlichkeit im Blute rauscht, der tauscht -------
Wem beide Wege sind verbaut, der klaut -------
Wer ehrlich aber nur erwirbt, der stirbt -------!“

Meine Oma hatte zwar ein tolles Talent zu organisieren und sie schaffte auch vieles heran, denn sie saß komischerweise immer an der Quelle, wie der berühmte Knabe, wie man so sagte. Eines Tages brachte sie für jedes von uns Mädchen einen Puppenwagen mit, meiner war schwarz mit etwas Rot und mit übergroßen Rädern, und der meiner Schwester war grün. Natürlich wollte sie den schwarzen haben. Die Puppenwagen machten uns aber nur zum Gespött der Nachbarskinder, denn solche hatte kein anderes Kind. Sie liefen hinter uns her und lachten, wenn der Wagen in einer Kurve umkippte. Bald standen die Wagen nur noch in der Wohnung oder vor der Türe und als ich ihn einmal vergessen  hatte reinzuholen, war meine Puppe weg, die in einem der Carepakete aus Amerika zu uns gekommen war. Ich musste vom Sommer bis Weihnachten  warten, dann aber bekam ich sie, neu bekleidet, als Geschenk zurück.

In Ermangelung an Spielzeug suchten wir uns Abwechselung, indem wir über einen hohen Zaun der Firma Hüser, Betonröhrenbau,  kletterten, um dort mit der Kipplorenbahn den Berg zur Sandgrube runter zu fahren. Nur musste man rechtzeitig abspringen, damit man nicht ins Wasser fiel. Ich begnügte mich damit zuzuschauen. Es war schon alles sehr aufregend, trug aber nicht dazu bei, aus uns brave Kinder zu machen. Unsere Aktivitäten gefielen den Erziehungsberechtigten keinesfalls.

Wenn es doch einmal Stubenarrest für die Lausebengels gab, scheuten sie nicht zurück, aus dem Strafraum unterm Dach über die Dachrinne ins Nebenhaus und von dort zu entfleuchen. Natürlich hatte das wiederum ein Nachspiel, aber die Jungs waren hart im nehmen. Wir Mädels wurden meistens unten in einem Raum neben der Küche eingesperrt und konnten so über unsere Missetaten nachdenken. Anschließend bekamen wir Sonderaufgaben, wie Schuhe putzen oder Herd polieren. Die Herdplatte musste nämlich erst einmal sauber gescheuert und anschließend mit einem weichen Tuch, welches in Ruß getaucht wurde, glänzend gerieben werden, und allesilberfarbenen Stellen auch. Auch Strümpfe stopfen war eine beliebte Strafarbeit. Als das erste Paket aus Amerika von Onkel u. Tante bei uns eintraf, war das natürlich eine ganz besondere Sache. Wir mussten es vom Zoll in Düsseldorf abholen. Es war ein 1 Meter x 1 Meter großer Karton, der anstatt in Packpapier in einem Nesselstoff eingeschlagen war. Vor    unseren Augen wurde das Paket vom Zoll geöffnet und alles untersucht, ob auch ja nicht etwas zuviel darinnen war oder etwas Unerlaubtes. Es waren Sachen darin, die ich noch nie gesehen hatte, angefangen von Zimt bis Kaugummi, Wachsmalstifte, Malbücher, Schokolade, Kakao und Kleidungsstücke, die umgeändert werden konnten. Aus dem Paket kamen Gerüche, wie aus einem Krämerladen. Es wurde alles gebraucht und verwendet, sogar das Verpackungsmaterial Nesselstoff.

So wurden uns die Pakete angekündigt: “Heute habe ich das Paket für Euch fertig gemacht und Paul nimmt es morgen mit zur Post. Es enthält 3Pf. Crisco, 1P. Nudeln, 1 P. Rice, 2P. Nudelsoup, 1P. Cakers, 1 Pf. Coffee, 1P. Raisen,1 Pudding 1P Cigaretts, 1 Flasche Tinte und Federn. Hoffentlich läuft die Tinte nicht aus.“ - Wohl dem, der Verwandte in Amerika hatte. Nur leider luden Irmchen u. ich einige Nachbarskinder ein, um ihnen die Gaben zu zeigen und hinterher fehlte die Hälfte und wir musste dann sehen, wie wir die Sachen wieder bekamen. Manchmal waren auch Dinge dabei, die uns gar nicht gefielen, nämlich Hütchen und Kämmchen mit Schleifchen drauf, die  man ins Haar stecken konnte. Sicher haben wir damit süß ausgesehen, aber wir hatten uns damit furchtbar geniert, zumal uns die Nachbarskinder gehänselt hatten. Dabei waren sie sicher nur neidisch, denn nicht jeder hatte Verwandte in Amerika. Als uns die Tante einmal eine Puppe mit schickte, dachte jeder von uns beiden Mädels, alleinigen Anspruch darauf zu haben  und schon ging das Gezanke los, denn ich hatte sie zuerstJ))))), aber schließlich spielten wir doch zusammen damit „Vater, Mutter, Kind“.


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