- Helmuts Erinnerungen -
Geboren am 18.2.1950 in der rheinischen Stadt Düren zwischen Köln und Aachen, sind meine Kindheitserinnerungen weniger bitter als die meines Freundes Fred. Ich hatte das Glück, in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg aufgewachsen zu sein und so erlebte ich diese eher als recht angenehme Kinderzeit.
Hier meine Eltern mit meiner Schwester Irmgard Weihnachten 1948, - aber da gab es mich ja noch nicht.
Als ich zwei Jahre nach meiner Schwester auf die Welt kam, vergaß man wohl, von mir ein Foto als Kleinkind zu machen. Vielleicht war ich aber auch schon damals nicht vorzeigbar oder aber passte, wie eine liebe Zunge munkelte, nicht in die Familienplanung.
Das erste Zuhause, an welches ich mich erinnern kann, war eine kleine Wohnung im Dürener Norden hinter dem Bahndamm. In dem Haus lebten fünf oder vielleicht auch sechs Familien, die sich alle eine einzige Toilette teilten, welche mitten im Haus an einer steilen Holztreppe lag. Wir wohnten ziemlich weit oben. Einmal bin ich auf der frisch gebohnerten Treppe ausgerutscht und purzelte wie ein Gummiball nach unten. Aber das Glück war mir hold, denn unten stand zufällig ein Mann und fing mich auf wie ein Torwart einen Ball auffängt.
Der Mann, der mich unterhalb der Treppe aufgefangen hatte, war "der Abels". Er war wohl sehr alt. Welchen Beruf er hatte, weiß ich nicht. Aber ich erinnere mich noch sehr genau an die vielen Tage, an denen er auf unserem Hinterhof Hühner schlachtete. Herr Abels packte die Tiere am Hals, schlug ihnen mit einem Fleischermesser den Kopf ab und dann, - ja dann flatterten die Tiere noch ein paar Meter zuckend durch die Luft, bevor sie jäh zu Boden fielen. Und derweil rollten die abgeschlagenen Köpfe der armen Hühner noch eine ganze Weile lang mit den Augen.
Ein kopfloses Huhn
Unsere knapp 35 Quadratmeter kleine Wohnung bestand aus zwei Zimmern, aber sie kommt mir im Nachhinein sehr groß vor, denn wir hatten keinerlei Dinge, die nicht unbedingt zum Leben notwendig gewesen wären. Doch wir hatten Zeit, viel Zeit sogar, - ein Wert, der heutzutage leider immer mehr in Vergessenheit gerät!
Im Winter wurde in der Waschküche im Keller gebadet, im Sommer durften meine Schwester und ich auch im Freien auf dem Hinterhof baden. Dazu hatten wir eine Zinkwanne in der Größe einer Sitzbadewanne. Die Zeremonie war immer die gleiche: Erst meine Mutter, dann mein Vater, dann meine Schwester und zum Schluss ich mit einem Bad in der abgestandenen Brühe. Das Badewasser wurde übrigens in verzinkten Eimern auf dem kohlebeheizten Herd in der Waschküche erhitzt. Ich fand dieses Badevergnügen immer sehr schön, denn dass man eines fernen Tages ein Badezimmer oder gar ein eigenes Zimmer nur für sich haben könnte, wäre mir damals nie in den Sinn gekommen.
Als ich sechs Jahre alt war, zogen wir in eine Dreizimmerwohnung in der Dürener Innenstadt um. Diese war geradezu atemberaubend luxuriös, denn die Wohnung hatte ein Badezimmer mit eigenem Klo, eine separate Küche und meine Schwester und ich hatten zusammen ein kleines Kinderzimmer, aus welchem ich jedoch mit Eintritt der Pubertät meiner um zwei Jahre älteren Schwester ausziehen musste und fortan auf der Couch im Wohnzimmer schlafen durfte. Darüber war ich weder böse noch traurig, denn das Wohnzimmer war damals "das schöne Zimmer" einer jeden Wohnung und so war ich fast schon stolz darauf, dort übernachten zu dürfen.
Mit acht oder neun Jahren kaufte ich mir meine erste Kamera, eine "Agfa Klick 1" für 10 Mark. Natürlich mit Schwarz-Weiß-Rollfilm. Das Geld dafür hatte ich mir buchstäblich zusammengetragen, indem ich aus den vielen Trümmerfeldern Schrottteile aus Eisen zu einem Altwarenhändler schleppte. Ich glaube, pro Kilo gab es 10 oder höchstens 15 Pfennig. Mein "wertvollstes Schrottstück" war übrigens eine noch scharfe Granate aus dem Krieg (was ich natürlich nicht wusste). Der Schrotthändler schlug die Hände über dem Kopf zusammen, rief sofort die Feuerwehr herbei, aber hat mir immerhin 30 Pfennig dafür gegeben.
Mein erstes Foto habe ich dann mit meiner "Agfa Klick 1" aus dem Fenster unseres Wohnzimmers gemacht:
Mein erstes Foto: Düren, Hans-Böckler-Straße
Irgendwann bekamen die ersten Mieter im Haus ein eigenes Auto. Das war für die ganze Straße eine einzige Sensation und eine Quelle übelster Gerüchte: "Wo haben die nur das Geld her? Die essen bestimmt nur Wassersuppe!" und ähnliche Verunglimpfungen mehr kursierten im Hausflur.

Das erste Auto in unserer Straße
Meine Zeit in der Volksschule verlief mehr oder weniger doch recht angenehm. Meine Klassenkameraden und ich schworen uns in wechselnder Reihenfolge tagtäglich "ewige Freundschaft", wobei ich als Kleinster in der Klasse ja auch am meisten darauf angewiesen war.
Schon mit sieben Jahren ging ich 1957 zusammen mit meiner Schwester mit zur Früh-Kommunion. Das Gebetbuch war ein Geschenk meiner Eltern, ein sehr edles Stück mit "Goldschnitt", wie das damals hieß. Und natürlich habe ich es immer noch. Meine Patentante schenkte mir meine erste Armbanduhr von Junghans, aber leider habe ich diese Uhr auch von innen betrachten wollen und nicht mehr zusammenmontiert bekommen!

Meine Schwester und ich bei unserer Erstkommunion 1957
am 17. januar 1956 heiratete meine liebe Patentante, eine Schwester meines Vaters, zum zweiten Mal, denn ihr erster Mann war wohl im Russland-Feldzug ums Leben gekommen.

Bei dieser Gelegenheit durfte ich zum ersten Mal im Leben mit zu einem Fotographen. Es gibt irgendwo ein Foto von meiner Tante, meinem Onkel und mir, auf welchem ich, wie auf dem unten abgebildeten Ausschnitt dieses Fotos zu sehen ist, zu Füßen des Brautpaars auf einem Fußbänkchen sitze und einen Biedermeierstrauß in meinen Händen halte.
In dieser Zeit machten wir auch zum ersten Mal Urlaub, nämlich 1956 und 1957 in Niederfell an der Mosel, welche damals noch nicht kanalisiert war. Unser Kochgeschirr hatten wir im Gepäck und mittags saßen wir immer am Fluss, während mein Vater auf einem Spirituskocher Erbswurst von der Stange und Kartoffeln für uns kochte. Meine Eltern hatten übrigens nicht nur an der Mosel immer Zeit für mein Schwesterherz und mich! Beide Sommer waren extrem heiß. Wir hatten zu vier Personen ein winziges Fremdenzimmer in einer Privatpension und die Matratzen waren mit Stroh und auch mit Insekten gefüllt. Aber wen juckte das damals schon! Morgens frühstückten wir in der Küche der Vermieterin. Über dem Tisch hing ein Klebeband, an welchem hunderte von Fliegen und anderen Insekten ihr Leben gelassen hatten. Die Vermieterin nannten wir "Tante Berta". Ich verliebte mich trotz meines kindlichen Alters sofort - nein, nicht in Tante Berta, sondern in ihren Schäferhund. Es war eine Hündin und sie hörte auf den Namen Senta. Manchmal habe ich Senta als Reittier benutzt, aber das mochte sie nicht gerne und warf mich hin und wieder ab.
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Meine Schwester und ich an der Mosel 1956 (links zusammen mit meiner Mutter
und rechts zusammen mit Senta)Auf meinem Weg zur Volksschule Düren-Süd kam ich zwischen 1956 und 1960 an allen Schultagen an vielen der noch vorhandenen Trümmergrundstücken vorbei. Da der Zutritt natürlich strengstens untersagt war, betrachteten meine Mitschüler, meine sonstigen Spielkameraden und ich dieses Verbot geradezu als Aufforderung, in den vom Einsturz bedrohten Kellergewölben heimlich einen Teil unserer vielen Freizeit zu verbringen. Wir buddelten nach menschlichen Knochen, nach "Hitlergeld", wie wir es nannten sowie nach Alteisen.
Morgens kamen wir Schüler aus der Hans-Böckler-Straße oft mit Verspätung zur Schule. Das hatte aber mit den Trümmergrundstücken nichts zu tun, sondern einzig und alleine mit dem Kaplan der Annakirche, welchen wir auch als Religionslehrer hatten. Der wohnte nämlich in einem Mietshaus auf halbem Wege zur Schule. Und wenn er uns dann morgens von seinem Fenster aus wie immer pünktlich kommen sah, ja uns geradezu auflauerte, kam er mit einem Fußball aus echtem Leder auf die Straße gestürzt und jubelte: "Jungs, fünf Minuten haben wir noch!" - Was nun ablief, war über mehrere Jahre lang zwei- oder dreimal pro Woche immer gleich: Mitten auf der Straße markierten wir mit insgesamt vier Schulranzen im Abstand von 30 oder 40 Metern zwei kleine Tore. Spezielle Torhüter hatten wir keine, aber doch zwei Mannschaften. Die eine Mannschaft bestand aus dem Kaplan und jeweils nur einem einzigen Schüler, - die andere Mannschaft aus drei, vier oder manchmal auch fünf Schülern. Natürlich "erwählte" unser Kaplan immer einen anderen von uns zu seinem Mitspieler. Am Anfang hatten wir wegen der Verspätung in der Schule ja noch Angst vor unserem strengen Klassenlehrer. Doch das legte sich bald, weil uns der Geistliche dann persönlich in die Klasse brachte und sich bei unserem Lehrer mit gesenktem Haupt, aber auch mit einem grinsenden "Mea culpa!" entschuldigte.
Im Alter von 10 Jahren kam ich dann 1960 zum Stiftischen Gymnasium in Düren, einer humanistisch geprägten Schule, wo ich mich mit Latein als erster Fremdsprache herumquälen musste. Ich erinnere mich noch genau an die erste Lektion: Gallina clamat, agricola laborat ... das Huhn kräht, der Bauer arbeitet ... und wir als Schüler haben auf Lateinisch dazu gegähnt! In unserer Stadt gab es auch ein neusprachliches Gymnasium, aber mein Vater wollte wohl, dass ich mindestens Pastor, lieber noch Kardinal von Köln oder gar Papst von Rom werden sollte. Ich entstamme einem sehr christlich geprägten Elternhaus, in welchem mir unabdingbar notwendige Werte vermittelt wurden, welche ich bis heute noch nicht verloren habe. Aber Papst werden wollte ich dann doch lieber nicht.
Vier Jahre später entstand Ostern 1964 als letztes Bild aus meiner Kindheit in dieser Schule das folgende Klassenfoto:
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Ich bin der Kleine mit der Brille in der letzten Reihe.
Im Jahre 1964 zogen wir dann nach Köln, was für mich ein sehr bedeutender, aber auch höchst erfreulicher Einschnitt in meinem Leben war und meine Kindheitsjahre deutlich von meiner nachfolgenden Jugend in Köln trennt.
Helmut